Jürgen Nowicki

„Servicepakete stabilisieren Umsatz“

Von Digitalisierung bis Protektionismus, von der Finanzierung bis zum Servicevertrag: Der Großanlagenbau befindet sich im Wandel. Im Gespräch mit der Armaturenwelt erläutert Jürgen Nowicki, Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau und Sprecher der Geschäftsleitung bei Linde Engineering, aktuelle Trends sowie Chancen und Risiken für den Anlagenbau.
 
AW: Der Großanlagenbau diskutiert über den Wandel. Worum geht es dabei konkret?
JN: Der Großanlagenbau befindet sich in einem grundlegenden Veränderungsprozess. Der Wettbewerbsdruck aus Asien nimmt weiter zu, Nachfragestrukturen verschieben sich strukturell und das wirtschaftliche Umfeld ist vom Erstarken protektionistischer Strömungen geprägt. Darüber hinaus fordern die Kunden immer kürzere Durchlaufzeiten, die Einbindung von lokalen Partnern in Projekte sowie umfangreiche technische und kommerzielle Garantien. Weiter zugenommen hat auch die Erwartung an den Anlagenbau, die Gesamtverantwortung für Projekte zu übernehmen. Mittlerweile gehen die Forderungen häufig über diesen klassischen EPC-Ansatz hinaus und inkludieren den Service, den Betrieb und die Finanzierung einer Anlage. Über allem steht als Klammer die Digitalisierung, die sowohl Chancen verheißt als auch Risiken birgt.

Um den wachsenden Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, setzen die Mitgliedsfirmen des VDMA-Großanlagenbau auf den Ausbau ihres technischen, rechtlichen und planerischen Know-hows. Konkret geht es um die Stärkung der Kompetenzen im Risiko- und Contractmanagement sowie in der Finanzierung von Projekten. Überdies nutzen die Unternehmen vermehrt agile Methoden im Projekt- und Prozessmanagement, die in erster Linie bei Entwicklungs- und Digitalisierungsvorhaben zum Einsatz kommen. Schließlich sind Kundennähe, Servicefähigkeit und Digitalkompetenz wichtige Bausteine einer umfassenden Wettbewerbsstrategie im Großanlagenbau, an denen es zu arbeiten gilt.

Diese komplexen Anforderungen können wir nur mit qualifiziertem Personal erfüllen. Das Finden und Binden der besten Mitarbeiter sind daher notwendige Bedingungen, um im Wandel zu bestehen. Ich denke etwa an Projektmanager, die agile Methoden einsetzen, an Softwareingenieure, die „Big Data“ zu „Smart Data“ veredeln und an Baustellenleiter, die bereit sind, für mehrere Monate oder gar Jahre ins Ausland zu gehen.


AW: Wo steht die Branche heute und welche Veränderungen sind noch erforderlich?

JN: Generell befindet sich der Großanlagenbau auf einem guten Weg. Die im vergangenen Jahr um über 50 Prozent gestiegenen Auftragseingänge im Chemieanlagenbau und im Hütten- und Walzwerksbau geben Anlass zu Optimismus und auch die Aussichten für 2018 sind generell ermutigend.

Technologisch und methodisch ist der VDMA-Großanlagenbau nach wie vor führend und mit Niederlassungen in allen wichtigen Märkten global breit aufgestellt. Ein weiterer Trumpf sind unsere erfahrenen Mitarbeiter am Standort Deutschland. Mit ihren hohen Bewertungs- und Eingriffskompetenzen sind sie ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb aus Asien. Und auch mit der Digitalisierung geht es im Anlagenbau stetig voran. Wie eine aktuelle Studie unserer Arbeitsgemeinschaft belegt, sehen sich heute bereits 70 Prozent der Unternehmen sehr gut oder gut auf die Digitalisierung vorbereitet. 2015 waren erst 40 Prozent der Anlagenbauer dieser Ansicht gewesen.


AW: Welche Risiken müssen beachtet werden?
JN: Nach wie vor sind Terminüberschreitungen das größte Risiko im Projektgeschäft. Eng hiermit verbunden sind Ausführungsrisiken und kalkulatorische Risiken. Vor dem Hintergrund enger Terminpläne und Kundenerwartungen nach schlüsselfertiger Festpreislieferung überrascht dies nicht. Andere Unwägbarkeiten, etwa technischer Art oder bei der Projektplanung, haben unsere Mitglieder ebenso im Griff wie das Thema Compliance und die finanziellen Projektrisiken, die sich durch Absicherungen sinnvoll reduzieren lassen. An Bedeutung gewonnen haben in den vergangenen Jahren in Folge zunehmender Volatilität und Unsicherheit Risiken, die sich aus dem Projektumfeld ergeben, wie etwa Länderrisiken. Stärker in den Fokus rücken ferner die Cyberrisiken. Der Großanlagenbau hat hierfür bereits umfassende Schutzkonzepte entwickelt, die dem Umstand Rechnung tragen, dass eine Großanlage nicht regelmäßig neu gestartet werden kann, um Sicherheits-Updates zu installieren.


AW: Welche Chancen eröffnen die genannten Veränderungen dem Großanlagenbau?
JN: Die ungeheuren Potenziale von Industrie 4.0 und Digitalisierung werden in unserer Branche zunehmend deutlich und führen zu bemerkenswerten Neuerungen bei Entwicklung, Bau und Betrieb von Anlagen. Aktuell lassen sich drei Schwerpunkte erkennen: hohe Produktivitätsgewinne im gesamten Abwicklungsbereich, eine nie gekannte Transparenz und Konsistenz bei den Daten und enorme Verbesserung bei Wartung, Betrieb und Verfügbarkeit der Anlagen. Auch neue Nutzungsmodelle rücken im Zuge der Digitalisierung stärker in das Blickfeld. So könnten Vertragstypen wie das „Performance Based Contracting“ oder das „Pay per Use“, bei denen der Kunde lediglich für den Abruf von Leistungen bezahlt, die Geschäftsmodelle im Anlagenbau nachhaltig beeinflussen.

Parallel dazu hat das Servicegeschäft in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. So wird etwa im Kraftwerksbau heute kaum eine Anlage mehr ohne einen langfristigen Servicevertrag vergeben. Unseren Mitgliedern ist durch das Angebot solcher Servicepakete eine Verstetigung ihrer Umsätze gelungen. Sie gewinnen überdies leichter Einblicke in die konkreten Bedürfnisse ihrer Kunden und erhalten Impulse für die Forschungsarbeit. Der Anteil von Services am Gesamtumsatz im VDMA-Großanlagenbau erreichte 2017 eine Quote von 16 Prozent. Angesichts des hohen Alters vieler Industrieanlagen ist die Marke von 20 Prozent bereits in Reichweite.

AW: Wie lassen sich Veränderungsprozesse in Ihrer Branche managen?
JN: Viele Mitarbeiter reagieren mit einer gewissen Skepsis auf den absehbaren Wandel. Wir müssen diese Vorbehalte ernst nehmen und den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, diese Veränderungen mitgestalten zu können. Aus passiv Betroffenen müssen aktive Beteiligte werden, die Veränderung als Chance begreifen. So können wir Ängste beseitigen und zusätzlich Motivation erzeugen. Das klassische Changemanagement stellt uns dazu vielfältige Methoden zur Verfügung. Im Mittelpunkt stehen dabei die offene Kommunikation über die geplanten Veränderungen, die Weiterentwicklung der Kompetenzen aller Beteiligten und die zügige Integration der Mitarbeiter in den Veränderungsprozess.

AW: Wo sehen Sie den Großanlagenbau im Jahr 2030?
JN: Ich bin davon überzeugt, dass der VDMA-Großanlagenbau auch 2030 eine dominante Rolle auf dem Weltmarkt spielen wird. Das technologische Wissen der Unternehmen, ihre breite Methodenkompetenz im Prozess- und Projektmanagement, die hochqualifizierten und motivierten Mitarbeiter und die internationale Ausrichtung der Branche bilden ein solides Fundament für die Zukunft.

Allerdings werden Wettbewerbsdruck, Veränderungstempo und Volatilität im kommenden Jahrzehnt weiter zunehmen. Die Fähigkeit, flexibel und agil auf sich rasch ändernde Rahmenbedingungen zu reagieren, ist daher eine Grundvoraussetzung, um am Markt zu bestehen. Die Digitalisierung kann hierbei ein wertvolles Instrument sein, das Unternehmen in die Lage versetzt, sich rasch an neue Gegebenheiten anzupassen.

 

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